Reisebericht für die Reise nach Griechenland zur Situation von geflüchteten Frauen vom 11. – 13. Juli 2016

20Als Berichterstatterin für Familienfragen im Ausschuss für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung habe ich an einer Studienreise nach Griechenland zu dem Thema Zugang von geflüchteten Müttern und Kindern zu Gesundheitsdiensten teilgenommen.

Die Teilnahme an der Reise auf Einladung von EPF (European Parliamentary Forum on Population and Development) war eine besondere Gelegenheit, um auf frauenspezifische Probleme von Flüchtlingen hinzuweisen.

 In Verantwortung meiner Berichterstatterfunktion im Ausschuss AwZ liegt es mir besonders am Herzen, auf die Situation von Kindern, der Kindersterblichkeit, der Geburtenregistrierung und der Müttergesundheit hinzuweisen. Dies auch mit der Situation von Geflüchteten zu verknüpfen, ist für mich vom besonderen Wert.

Gleichzeitig war diese Reise für mich in der Vorbereituung eines Ausschussgespräches Müttergesundheit im AwZ besonders wertvoll.

Meine Eindrücke dieser Reise habe ich differenziert in 4 Punkten zusammengefasst, eine zusätzliche Bewertung der speziellen Situation von Flüchtlingen ist nachfolgend skizziert.

 

Frauengesundheit und die Folgen der Flucht

  1. Die Zahlen

Laut aktuellen Schätzungen des UNFPA sind 13 Prozent der Flüchtlinge, die aktuell auf dem Weg in die EU sind, Frauen. In Italien etwa kommen sieben Mal so viele Männer wie Frauen an. Unter den 14- bis 34 Jährigen sind drei Viertel der Migranten in Deutschland laut BAMF Männer. Gleichzeitig sind laut UNICEF rund 36 Prozent der Flüchtlinge, die sich Anfang 2016   in ein Gummiboot von der Türkei setzen, Kinder. In den Medien werden die Frauen und auch die mutterlos flüchtenden Kinder kaum wahrgenommen, meist werden plakativ Schwarzafrikaner in Gummibooten gezeigt.

 

  1. Die Ursachen: Mehr Fluchtgründe für Frauen

Die Hauptfluchtursache bei Männern und Frauen ist gleich: Sie fliehen vor Gewalt, Terror, Hunger, Perspektivlosigkeit und politischer oder religiös motivierter Verfolgung. Spezifische Fluchtgründe für Frauen und Mädchen sind geschlechtsspezifische Bedrohungen wie etwa Entführungen und Vergewaltigungen als Kriegswaffe, Genitalverstümmelung, Zwangsheirat, Ehrenmorde und vergleichbar zu verurteilende „kulturelle“ Praktiken in ihren patriarchalisch geprägten Herkunftsgesellschaften.

 

III. Erschwerte Flucht

Auf ihren Fluchtwegen sind Frauen und Mädchen vergleichbaren Gefahren ausgesetzt. Arbeitsausbeutung oder Zwangsprostitution sind nicht selten der „Preis“, um die Flucht zu überleben. Rund fünf Prozent der Frauen auf der Flucht sind schätzungsweise schwanger, die allermeisten ohne hygienische und medizinische Grundversorgung. Frauen und Kinder bleiben auf der Flucht eher in Lagern stecken, so dass sie nicht mehr in ihre Heimat zurück können, aber auch meist nicht weiter können.

Es mangelt ihnen oft an Geld, oder ihre Kinder sind so krank, dass sie diese zurücklassen mussten. In den Lagern herrschen dabei oft katastrophale hygienische Verhältnisse. Es gibt keine Möglichkeiten, sich zu duschen. Wo es so etwas wie „Betten“ gibt, sind sie von vorher unzähligen Menschen benutzt worden und stinken bestialisch.

Aber nicht nur Geld, Krankheit und das Verantwortungsbewusstsein gegenüber den eigenen Kindern erschweren die Flucht. Eine besondere Gefahr liegt in sexueller Gewalt auf der Flucht. Das Schlepperwesen ist eine Männerdomäne, in der Frauen oft eine Ware sind, die nichts wert ist und verkauft werden darf. Der Frauenhandel ist ein florierendes Geschäft. In Staaten wie dem Sudan gilt die Scharia und auch Vergewaltigungen sind keine Straftaten. Laut einem Bericht der Vereinten Nationen werden fast alle Frauen auf der Flüchtlingsroute aus dem Sudan sexuell angegriffen. Selbst das vollständige Verschleiern in einem Hidschab schützt nicht immer vor diesen. Systematische Vergewaltigungen, Entführungen, Verkauf von Mädchen sind vielfach in Kriegsgebieten an der Tagesordnung. Syrerinnen werden in der arabischen Welt gern als Zweit-Dritt Frauen genommen, weil sie als schön gelten. Auch werden viele Frauen durch ihre ausweglose finanzielle Lage in die Prostitution gezwungen.

 

  1. Die Folgen

Wenn Frauen es dennoch nach Europa schaffen, sind sie traumatisiert und oftmals schwanger. In den Lagern (selbst in europäischen) kommt es häufig zu sexuellen Übergriffen. Die Frauen vertrauen sich nicht den Behörden an, aus Angst abgeschoben zu werden. Viele Frauen und Mädchen, die als Flüchtlinge bei uns um Asyl nachsuchen, sind psychisch und physisch schwer belastet, manche traumatisiert. Auf den ersten Blick ist ihnen das nicht immer sofort anzumerken, denn sie haben sich und meist auch ihre Kinder das Funktionieren „beigebracht“. Und sie haben mit großer Kraft und Überlebenswillen sich und ihre Kinder an ein sicheres Ziel gebracht.

 

  1. Besondere Situation in Griechenland

Die Gesundheitsversorgung in den Flüchtlingsunterkünften ist wegen der Überlastung und fehlender Finanzierungsmöglichkeiten katastrophal.

Die Frauen sind in großen Hallen untergebracht, die lediglich mit Wolldecken in Schlafbereiche abgeteilt sind.

Da Griechenland bereits mit der gesundheitlichen Versorgung der eigenen Bevölkerung überfordert ist, trifft die Versorgung der Flüchtlinge die Frauen ganz besonders schwer.

Insbesondere für Frauen und Kinder hatte schon ihre Flucht erhebliche gesundheitliche Folgen.

Vorzugsweise sollte das medizinische und therapeutische Personal weiblich sein und zumindest in Grundzügen mit den geschlechterrelevanten kulturspezifischen Besonderheiten des Herkunftslandes ihrer Patientinnen vertraut sein, z.B. Genitalverstümmelung etc.

Dies im Blick auf die generelle Versorgung in Griechenland auch von Hilfsorganisationen nicht zu leisten.

Obwohl schwangere Frauen und junge Mütter besondere Unterstützung benötigen, ist noch nicht einmal eine Grundversorgung vorhanden. Der Zugang zur Hebammen-Betreuung vor und nach der Geburt kann nicht gewährleistet werden; eine familienfreundliche Unterbringung ist nirgends gegeben. Nach den Strapazen der Flucht ist auch eine psychosoziale Betreuung erforderlich, die nicht zu gewährleisten ist.

 

Diese Reise fand gemeinsam mit EU Abgeordneten statt, was ich auch für unsere Kooperation sehr wertvoll empfand. Wir müssen vermehrt zu einem Austausch mit anderen Parlamentariern und nach neuen Lösungsansätzen suchen. Allein die Ankündigung, dass die Aufnahme von Flüchtlingen eine europäische ist, reicht nicht aus. Auch die dürftige Feststellung, dass sich andere europäische Länder der Verantwortung entziehen, reicht nicht aus.

Die Erkenntnisse der Studienreise sind für mich deutlich: Es kann nicht sein, dass man Griechenland unter der besonderen finanziellen Situation einfach im Regen stehen lässt. Das Nichthandeln darf nicht auf dem Rücken der Griechen und der Flüchtlingsfrauen und ihren Kindern ausgetragen werden.