Rede von Michaela Engelmeier am 10.10.2014 im Deutschen Bundestag zum 3. Weltmädchentag: „Nicht nur reden, sondern handeln!“

Sehr geehrte/r Herr/ Frau Präsident/in, liebe Kolleginnen und Kollegen, sehr geehrte Damen und Herren,

der Internationale Frauentag, der seit mehr als hundert Jahren jährlich begangen wird, ist bekannt.

Und immer noch aktuell sind leider die geschlechtsspezifischen Unterschiede in der Welt.

Ich spreche heute über eine gesellschaftliche Gruppe, die noch extremer von sozialer und ökonomischer Ungleichheit und Ungerechtigkeit betroffen ist: Die Mädchen.

Es sind die Mädchen, die immer noch in vielen Gesellschaften als minderwertiger angesehen werden als Jungen. Deshalb haben wir als

Sozialdemokraten im Jahr 2011 einen gemeinsamen Antrag mit den Fraktionen CDU/CSU, SPD, FDP und BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN in den Bundestag eingebracht, mit dem die damalige Bundesregierung aufgefordert wurde, sich bei den Vereinten Nationen für die Einrichtung eines Weltmädchentages einzusetzen. Der Antrag wurde vom Bundestag mit großer Mehrheit angenommen. Diese Initiative hat dazu geführt, dass die Vereinten Nationen im Jahr 2011 den Weltmädchentag eingeführt haben.

Ein Jahr später wurde dann der Internationale Weltmädchentag das erste Mal begangen. Ziel des Jahrestages ist es, auf die Lage von Mädchen aufmerksam zu machen, denn sie sind noch immer besonders häufig Opfer von Gewalt, Ausbeutung, Ausgrenzung und Benachteiligungen – weltweit.

„I am a girl – die Welt wird pink“ – damit begehen wir morgen den dritten internationalen Weltmädchentag. Mit dieser Farbe pink soll ein Zeichen gesetzt werden. Das kräftige Pink der „Because I am a Girl“ Kampagne hat eine starke Signalkraft, sie vermittelt Lebensfreude und Mut zur Offensive – genau das, was Mädchen motivieren kann, auch selbst für ihre Rechte zu kämpfen.

Auch wir hier im Deutschen Bundestag wollen uns einsetzen, die Rechte von Mädchen im Sinne der Kinderrechtskonvention Wirklichkeit werden zu lassen. Wir wollen mit parlamentarischen Initiativen dafür sorgen, dass Mädchen mehr Gleichberechtigung erfahren, dass vier Millionen Mädchen mindestens neun Jahre zur Schule gehen oder eine vergleichbare Bildung erhalten.

Probleme die wir lösen müssen, gibt es genug: Laut UNICEF werden mehr als 60 Millionen Mädchen vor ihrem 18 Lebensjahr gegen ihren Willen verheiratet. In Bangladesch sind 66 % aller Mädchen Opfer von Zwangs-und Frühverheiratung. Sie werden nicht nur ihrer Kindheit beraubt, sondern auch ihrer Chancen auf Bildung und Beruf. Mädchen aus den ärmsten 20 Prozent der Haushalte haben ein dreifach höheres Risiko als Kind verheiratet zu werden. Schwangerschaften und Geburten sind die Haupttodesursache für Mädchen zwischen 15 und 19 Jahren. Es besteht angesichts dieser Zahlen dringender Handlungsbedarf für die Unterstützung politischer Reformen.

Auf ein Problem möchte ich besonders aufmerksam machen: viele Mädchen werden nach ihrer Geburt nicht offiziell registriert. Aber nur wer registriert ist, hat Mitbestimmungsrechte und Zugang u. a. zu Bildung. Ohne Eintrag in ein Geburtenregister erhält man keinen Pass, hat man keine Bürger- und Wahlrechte, kann man keinen Besitz erwerben oder erben und wird häufiger Opfer von Menschenhandel. Für nichtregistrierte Kinder ist zudem der Zugang zu staatlicher Bildung schwierig bis unmöglich. Allein in Afrika südlich der Sahara und in Südasien werden jährlich 51 Millionen Neugeborene nicht in ein Geburtenregister eingetragen.

Ich werbe dafür, möglichst niedrigschwellige Registrierungsangebote zu schaffen. Bei der Impfdokumentation die Papiere gleich um die Registrierung zu erweitern oder etwa mittels einer Registrierung mit Handys zu agieren, die zum Beispiel in Afrika weit verbreitet sind.

Ich werbe hier dafür, unsere Kraft und Energie gemeinsam dafür einzusetzen, die besondere Situation von Mädchen nicht nur „zu beachten“, sondern alles dafür zu tun, um sie zu verbessern.

Wir alle wissen, dass Bildung der Schlüssel für eine zukunftsfähige Entwicklung darstellt.

Wie unbefriedigend die Situation in Sachen Bildung ist verdeutlicht Plan Deutschland. Ich lege Ihnen den Mädchenreport von Plan besonders ans Herz. Laut Plan Deutschland gehen weltweit rund 75 Millionen Mädchen nicht zur Schule. Etwa ein Drittel aller Mädchen ist von Sekundarbildung, also der Möglichkeit, eine weiterführende Schule zu besuchen, völlig ausgeschlossen.

Wenn wir sicherstellen, dass Mädchen von Geburt an die gleichen Chancen wie Jungen erhalten, dann helfen wir ihnen und ihren Familien dabei, den Kreislauf der Armut zu durchbrechen und geben ihnen die Chance, selbstbewusste Frauen, Mütter, Berufstätige und Leitfiguren zu werden.

Ein zusätzliches Jahr weiterführender Schulbildung kann das spätere Einkommen eines Mädchens um durchschnittlich 15 bis 25 Prozent erhöhen. Mit der Möglichkeit, ihren Lebensunterhalt selbst erwirtschaften zu können, wird sie sich und ihre Kinder aus der Armut befreien können. Sie wird das, was sie verdient, in ihre Kinder investieren – in deren Gesundheit, Bildung und Zukunft. Ein gebildetes Mädchen wird mit größerer Wahrscheinlichkeit später heiraten, weniger sowie gesündere Kinder zur Welt bringen. Mit jedem zusätzlichen Jahr Schulbildung einer jungen Mutter sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass ihre Kinder sterben, um 5 bis 10 Prozent.

In Nigeria bspw. gehen 10,5 Millionen Kinder im schulpflichtigen Alter nicht zur Schule, zwei Drittel davon sind Mädchen. Das macht Nigeria nach Angeben der Hilfsorganisationen zu einem der Länder, das am meisten von einem bewaffneten Konflikt betroffen ist. Wir erinnern uns – tun wir das? an die entführten Schülerinnen die zu einem Symbol im Kampf gegen Boko Haram geworden sind. 211 Mädchen sind weiter verschwunden, 65 konnten sich selbst befreien. Die nigerianische Regierung und das Internationale Komitee vom Roten Kreuz führen nun offenbar seit rund zwei Monaten Verhandlungen mit der Terrorgruppe, um die am 17. April aus einem Internat entführten Mädchen frei zu bekommen.

Die entführten Mädchen sind ein Symbol des Terrors gegen das ausgesprochene Schulverbot für Mädchen. Ihre Entführung und ihr ungewisses Schicksal soll eine Drohung an alle Eltern und Mädchen sein, den Schulbesuch für Mädchen zu vergessen. Momentan ist die Befreiung der Mädchen völlig aus den Augen des öffentlichen Interesses und der Medien geraten. Wir müssen Sorge tragen, dass das Interesse an der Freiheit der Mädchen nicht stirbt!

Mein Appell für den Weltmädchentag lautet: Machen wir nicht nur darauf aufmerksam, vor welchen Herausforderungen Mädchen vor allem in Entwicklungsländern stehen, sondern handeln wir!

Von Gesetzesänderungen und einem Politikwandel werden 400 Millionen Mädchen und Jungen profitieren können.

Nutzen wir das kommende Jahr, wenn die Staatengemeinschaft neue Ziele in der Post-Agenda 2015 Prozess verhandelt. Was dort entschieden wird, wird die Entwicklungszusammenarbeit in den nächsten 15 Jahren beeinflussen. Und was in diesen Zielen nicht verankert wird, wird vergessen bleiben.

Dafür muss Gleichberechtigung nicht nur als eigenes Ziel in der 2015-Agenda stärker verankert werden. Auch in allen anderen Zielen der neuen UN-Entwicklungsagenda müssen die Rechte von Mädchen und jungen Frauen einfließen, wenn wir sie erreichen wollen. Nur dann ist eine nachhaltige Veränderung erreichbar.

Nutzen wir den Weltmädchentag dafür, auf die Bedeutung von Mädchen für unsere Gesellschaften und ihre Rechte hinzuweisen. Und nutzen wir den Tag als Ansporn, konsequent alles dafür zu tun, um die Situation von Mädchen in der Welt zu verbessern.

Herzlichen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!