Gleichberechtigung und Bildung in der Entwicklungszusammenarbeit

Eine tatsächliche Gleichberechtigung von Mann und Frau haben wir selbst in Deutschland noch nicht erreicht, wie sich beispielsweise an der eklatant großen Kluft bei der Bezahlung zeigt. Besonders hart trifft diese Ungleichheit Frauen und Mädchen in Entwicklungs- und Schwellenländern. Dort haben sie oftmals keine Möglichkeit, über ihr Leben, über ihre Zukunft, ja sogar über ihren eigenen Körper zu entscheiden. Zum Weltfrauentag veröffentlichte die Kampagnenorganisation ONE einen Bericht, der passend hierzu den Titel „Armut ist sexistisch“ trägt. Dieser zeigt auf, welch große Rolle Bildung vor allem für junge Mädchen spielt und wie sich ein verbesserter Bildungszugang positiv auf die Entwicklung armer Länder auswirken kann.

Für Frauen und Mädchen ist in Entwicklungsländern die Wahrscheinlichkeit, eine Schule zu besuchen und ein selbstbestimmtes Leben zu führen, deutlich geringer als bei Männern. Ein gutes Werkzeug, um etwas an dieser Situation zu ändern, ist Bildung. Extreme Armut lässt sich am effektivsten mit Bildung bekämpfen und ohne diese ist ein Erreichen der Globalen Ziele für nachhaltige Entwicklung (SDGs) nicht denkbar. Ohne Bildung wird es der Entwicklungszusammenarbeit nicht gelingen, extreme Armut zu beenden. Umso höher das Bildungsniveau eines Landes ist, umso gesünder, wohlhabender und stabiler ist es auch.

Abgesehen von einer moralischen Verpflichtung, allen Menschen, unabhängig von Merkmalen wie Geschlecht oder Religion, einen angemessenen Bildungszugang zu ermöglichen, bringt Bildung auch ganz konkrete Vorteile für die Entwicklung eines Landes mit sich. In Subsahara-Afrika könnte das Leben von 1,2 Millionen Kindern gerettet werden, wenn alle Mädchen den Zugang zur Bildung bis zur Sekundarstufe erhalten würden. Auch finanziell wäre es von Vorteil. Würden alle Mädchen denselben Bildungszugang wie Jungen erhalten, wären jährlich mindestens 112 Milliarden US-Dollar Mehreinnahmen für die Entwicklungsländer möglich. Auf individueller Ebene profitieren Mädchen auf vielfältige Weise. Der Zugang zu Bildung bedeutet ein geringeres Risiko, als Kinderbraut verheiratet zu werden, sich mit HIV anzustecken oder jung zu sterben. Außerdem werden Gesellschaften als Ganzes stabilisiert, da die Anfälligkeit für Extremismus gesenkt wird.

Ein Zugang zur Bildung bedeutet auch, dass ihre Erwerbschancen und ihr Einkommenspotential steigen. Schätzungen besagen, dass jedes absolvierte Schuljahr für Mädchen eine Einkommenssteigerung von zwölf Prozent mit sich bringt. Hieraus ergeben sich auch die potentiellen Mehreinnahmen für Entwicklungsländer. Im Gegensatz dazu führt der unterschiedliche Bildungszugang zwischen Mädchen und Jungen dazu, dass den Ländern jährlich 92 Milliarden Dollar verloren gehen. Auch die Gesundheit wird durch Bildung verbessert, da besser ausgebildete Frauen klügere Lebensentscheidungen treffen. Sie können Informationen rund um Schwangerschaftsvorsorge, Hygiene und Ernährung einfacher verarbeiten, als Frauen, denen kein Bildungszugang gewährt wird. Darüber hinaus sinkt auch die Wahrscheinlichkeit, mit unter 18 Jahren verheiratet zu werden, signifikant. Hieraus ergibt sich eine verbesserte Mütter- und Kindergesundheit, denn je älter die Frau ist, desto geringer ist das Risiko für Komplikationen während der Schwangerschaft oder der Geburt. Deutlich wird das daran, dass die Müttersterblichkeit in Subsahara-Afrika um 70 Prozent sinken würde, wenn dort jedes Mädchen mindestens die Grundschule abschließen könnte.

Die Schulbildung für ein Mädchen pro Tag kostet weniger als ein Brot oder eine Tageszeitung. Betrachtet man die positiven Resultate, die von Bildung zu erwarten sind, ergibt sich aus entwicklungspolitischer Sicht eine sehr attraktive Möglichkeit, viel mit relativ wenig finanziellen Mitteln zu erreichen. Diese kleine Investition hat durchaus die Möglichkeit, die Welt nachhaltig zu einem besseren Ort zu machen. Dennoch besuchen weiterhin 130 Millionen Mädchen keine Schule. Der Bericht verdeutlicht das Ausmaß dieser Zahl mit zwei Metaphern. Wären die 130 Millionen Mädchen die Bevölkerung eines Landes, wäre es das zehntgrößte Land der Welt, größer als Deutschland und Spanien zusammen. Die zweite Metapher besagt, dass es fünf Jahre dauern würde, um von 1 bis 130 Millionen zu zählen.

Trotz der Vorteile von Bildung als entwicklungspolitisches Werkzeug sank der bildungsbezogene ODA-Anteil der multilateralen Geber in den letzten zehn Jahren von zehn auf sieben Prozent. Gleichzeitig erweisen sich die Bildungsausgaben der Partnerländer oft als wirkungslos. Die Barrieren, die Mädchen beim Zugang zu Bildung im Wege stehen, sind vielfältiger Natur. Zum einen sind die Kosten zu nennen, die selbst bei Wegfall von Schulgebühren entstehen, da auch Schulbücher, Schuluniformen und Transport an finanzielle Voraussetzungen geknüpft sind. Ist eine Familie mit geringem Einkommen zu der Entscheidung gezwungen, welches Kind eine Schule besuchen darf, fällt die Wahl in der Regel auf den Jungen und nicht auf das Mädchen. Auch die Angst vor Übergriffen auf dem Schulweg hält viele Eltern davon ab, ihre Töchter zur Schule gehen zu lassen. Zusätzliche spielen kulturelle Normen eine tragende Rolle. Die Erwartung an Frauen sieht in vielen Regionen vor, dass sie sich um die häusliche Pflichten kümmern, statt zur Schule zu gehen. Diese und andere Bildungsbarrieren verhindern den dringend benötigten Zugang zu Bildung. Ohne Bildung wird es keine langfristigen Erfolge in der Entwicklungszusammenarbeit geben, weshalb sie ganz oben auf der entwicklungspolitischen Agenda zu stehen hat.