„Auserwählt und ausgegrenzt – der Hass auf Juden in Europa“: ARD zeigt Antisemitismus-Doku

Im Auftrag von Arte ließ das WDR eine Antisemitismus-Dokumentation produzieren, die sich mit dieser Problematik in Europa auseinandersetzen sollte. Nach der Fertigstellung der Produktion weigerte sich Arte jedoch den Film auszustrahlen. Die Begründung: der Film entspräche nicht den handwerklichen Standards des Senders und würde nicht den vertraglich vereinbarten Länderfokus aufgreifen.

Es passiert nicht oft, dass eine Fernsehproduktion sogar schon vor ihrer Ausstrahlung für öffentliche Debatten sorgt. In diesem Fall war es so. Der Vorwurf stand im Raum, dass das Thema zu unbequem für die Ausstrahlung sei. Es ist natürlich nicht per se falsch, dass sich Arte bei der Ablehnung auf die formelle Argumentation stützt. Doch gerade Antisemitismus in Europa ist ein Thema von großem Interesse, denn er ist noch immer weit verbreitet und wird viel zu selten im öffentlichen Diskurs ergründet.

Eine Dokumentation, die das Thema Antisemitismus reflektiert aufarbeiten will, muss auch einen Blick in den Nahen Osten werfen. Der am 24. April veröffentliche Bericht des unabhängigen Expertenkreises über Antisemitismus in Deutschland zeigt deutlich, dass der Konflikt zwischen Israel und den palästinensischen Autonomiegebieten eine wichtige Rolle spielt, wenn über Antisemitismus in Europa diskutiert werden soll. Bei immerhin 40 Prozent der deutschen Bevölkerung lässt sich israelbezogener Antisemitismus feststellen.

Formell mag es also falsch gewesen sein die Situation im Nahen Osten derart ausführlich mit aufzugreifen. Inhaltlich war es aber unabdingbar. Die BILD-Zeitung, was auch immer man von ihr halten mag, veröffentlichte eine noch nicht nachbearbeitete Version der Dokumentation für 24 Stunden auf ihrer Homepage. Das Ziel war es der Bevölkerung die Möglichkeit zu geben, sich selber eine Meinung zu bilden. Darüber hinaus setzten sich viele Personen des öffentlichen Lebens für die Ausstrahlung ein. So auch die Bundestagsabgeordnete Michaela Engelmeier, die einen offenen Brief an die zuständigen Intendanten verfasst hat und auch Antworten erhielt. Tom Buhrow, Intendant vom WDR, betonte, dass sie ernsthafte handwerkliche Bedenken bezüglich des Inhalts gehabt hätten. Diese gelte es zu überprüfen, um der gesellschaftlichen Relevanz des Themas gerecht zu werden.

Es ist sehr zu begrüßen, dass die von Rundfunkgebühren finanzierte Dokumentation heute Abend um 22:15 nun doch im Ersten ausgestrahlt wird. Im Anschluss daran wird die Diskussion um den Film bei Maischberger aufgegriffen und diskutiert. Ohne Frage besteht ausreichend Gesprächsbedarf, sowohl über das Prozedere der Veröffentlichung als auch über den Inhalt der Produktion. Denn, und das ist an dieser Stelle festzuhalten, inhaltlich ist „Auserwählt und ausgegrenzt – der Hass auf Juden in Europa“ tatsächlich an einigen Stellen kritikwürdig.

Angesichts des sich ausbreitenden Antisemitismus in Deutschland, Europa und der Welt, leistet eine solche Dokumentation trotzdem einen wichtigen Beitrag. Sie benennt Probleme, ergründet ihre Ursachen und versucht antisemitische Stereotype aufzubrechen. Hierzu bedarf es aber auch auf politischer Ebene mehr Engagement. Es ist lange hinfällig, dass der Posten eines im Kanzleramt angesiedelten Antisemitismusbeauftragten eingerichtet wird, der die Maßnahmen der Antisemitismusbekämpfung und –prävention ressortübergreifend koordinieren kann. Dieser wäre in der Lage politische und gesellschaftliche Prozesse dauerhaft zu begleiten. Antisemitismus ist tief in der Gesellschaft und in den Köpfen vieler Menschen verwurzelt. Seine Bekämpfung muss langfristig angelegt sein, wenn sie erfolgreich sein soll.

„Es wird uns nicht heute oder morgen gelingen, die antisemitischen Stereotype gegenüber Juden aufzulösen. Aber davon lasse ich mich und lassen sich auch viele andere nicht entmutigen. Wir glauben fest daran, dass eine Welt möglich ist, in der niemand mehr aufgrund seiner Religion, Herkunft oder Hautfarbe diskriminiert wird. Und dafür lohnt es sich zu kämpfen“ sagte die Bundestagsabgeordnete Michaela Engelmeier.